Vor einem Monat ist mein Schwiegervater weggeflogen. Ohne uns etwas zu sagen hat er sich Flügel wachsen lassen und sich davongemacht. Natürlich ahnten wir etwas. Schliesslich mochten ihn seine Beine kaum mehr tragen, und er ass und sprach immer weniger. Ihm war dauernd kalt. Wie zum Schluss dem Glatzen-Per in Astrid Lindgrens «Ronja Räubertochter». Keine Suppe vermochte ihn zu wärmen, keine Decke konnte dick genug sein.

Ohne uns etwas zu sagen hat er sich Flügel wachsen lassen und sich davongemacht.

In Gedanken war Charly bereits woanders. Unsere Welt, die ging ihn nicht mehr so viel an. Wir, wir hofften natürlich noch immer, er würde nach der überstandenen Lungenentzündung wieder zu Kräften kommen. Zuerst dachte er das möglicherweise auch. Aber dann war er zu höflich, uns zu beunruhigen, und verwendete seine verbleibende Energie darauf, das Leichterwerden zu üben. Darin war er gut: Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog er es durch. Und eines frühen Morgens, als starker Wind aufkam, da breitete er die Flügel aus und hob ab. Wir, wir blieben etwas verstört zurück. Wie immer, wenn wir realisieren, dass ein Engel sich auf die Reise zu seinesgleichen gemacht hat.

Wir, wir blieben etwas verstört zurück.

Während wir uns zum x-ten Mal die Tränen trockneten und uns um die notwendigen Formalitäten kümmerten, lernte Charly fliegen. Und ein paar andere Kunststücke auch. Als der Tag sich zu Ende neigte und wir erschöpft nach Hause kamen, da klirrte es auf der Terrasse. Etwas seltsam war es schon. Charlys Aschenbecher, der immer noch draussen auf dem Tisch stand, obwohl er ihn schon seit längerem nicht mehr verwendet hatte, lag in Scherben am Boden.

Als der Tag sich zu Ende neigte und wir erschöpft nach Hause kamen, da klirrte es auf der Terrasse.

Ja, es ging ein starker Wind. Aber der ging schon den ganzen Tag. Warum fiel das Teil genau jetzt vom Tisch? Als hätte jemand auf uns gewartet, um uns dann mitzuteilen: «Den brauche ich jetzt definitiv nicht mehr. Danke für meine Zeit bei euch. Sie war schön, aber nun ist sie vorüber.»

Und ich danke dir, Charly, für deine Zeit und Hingabe, die du uns geschenkt hast. Selten habe ich einen Menschen mit so viel Sorgfalt, Geschick und Beharrlichkeit kennengelernt. Noch vor einem Jahr hast du uns mit selber zubereiteten Windbeuteln beglückt – die besten, die ich je in meinem Leben gegessen habe.

Dein Herz und dein Handwerk stecken in tausend Dingen

Dein Herz und dein Handwerk stecken in tausend Dingen, die du für uns erschaffen oder restauriert hast: Bilder, Tische, Seemannskisten, oder Erbstücke meiner Nonna. Und so bleibst du jeden Tag präsent. Auch wenn du neuerdings in anderen Gefilden unterwegs bist.

 

 

Fotos Wolken / Windbeutel: Paola Scaburri
Foto Windfahne: www.decoracionia.net

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