Mittlerweile haben wir eine Chile Travel App auf dem iPhone, die uns mit den wichtigsten Informationen zu Sehenswürdigkeiten und Unterkünften versorgt. Allerdings haben wir uns so daran gewöhnt, einfach anzukommen und zu schauen, dass wir sie selten konsultieren.

Weiterführende Nachforschungen im Netz sind nämlich aufwändig und setzen Wi-Fi voraus das wir meist nur abends in der Unterkunft haben. Und vor allem: was wissen wir denn am Vorabend wie weit wir am nächsten Tag kommen? Gut möglich, dass wir nun an Orten vorbeifahren, weil wir nicht wissen, was es dort Tolles gibt. Andererseits… haben wir schon so viel Schönes gesehen und entdeckt – hätte da überhaupt noch mehr Platz? Im übrigen ist es beim Reisen wie sonst im Leben: man wählt wohl nicht immer die optimalste Route. Aber wenn man pausenlos schaut, was denn nun das Schönste, Beste, Idealste sein würde, grübelt man permanent über Möglichkeiten nach – und verpasst während dieser Zeit das Leben selbst. Und es ist doch so, dass immer dann, wenn Überraschungen auftreten, unser Leben erst wirklich intensiv und prickelnd wird.

Im übrigen ist es beim Reisen wie sonst im Leben: man wählt wohl nicht immer die optimalste Route. 

Noch in Buenos Aires erreicht mich eine Stellenausschreibung aus Zürich. Eine, mit der ich so schnell nicht gerechnet hätte. Zwischen Buenos Aires und Puerto Montt, zwischen Rucksack packen, Flug, Busfahrt, Autoübernahme und sich in Chile zurechtfinden, verfasse ich mein Motivationsschreiben. Zwei Wochen später in El Chaltén ein Bewerbungsgespräch via FaceTime. Unglaublich, was das Internet möglich macht. Und in Puerto Natales – schon der Name der Stadt klingt wie Weihnachten – erhalte ich ein Geschenk: ich hab die Stelle! Gleich nach meiner Rückkehr in die Schweiz fange ich dort an. Auch wenn dies meine Auszeit schneller als erwartet beendet, freue ich mich ungemein auf den neuen Arbeitsort. Ich glaube, da hat sich mir wieder eine spannende Tür aufgetan.

Puerto Natales hat noch mehr Überraschungen auf Lager. Auf einer Postkarte lesen wir vom Frigorífico Bories, einem ehemaligen Kühlhaus, das fast 70 Jahre eins der wichtigsten Unternehmen Patagoniens war und nun als Museum zu besichtigen ist. Da uns der Gebäudekomplex schon mehrmals aufgefallen ist, fahren wir neugierig dorthin. Doch der Eingang ist zu. Der Eingang daneben führt uns zu einem Hotel, wo sich die Reception wunderlicherweise in einer Scheune befindet. Wir zählen erst mal zehn blitzblank glänzende Hotelfahrzeuge, bevor wir ganz hinten die Reception ausmachen. Eine ziemlich luxuriöse Reception, stellen wir fest. Als wir etwas scheu nach dem Museum fragen, meint die Dame, das gebe es nicht mehr. Aber wir seien goldrichtig, denn die Ausstellung sei nun Teil des Hotels und könne immer noch besichtigt werden – wenn wir an der Bar etwas trinken. Nix wie hin und einen Pisco Sour bestellen. Erst mal bringt uns eine kleine Standseilbahn zum Hauptgebäude. Und mit jedem Schritt Richtung Bar werden unsere Augen grösser. Da wurde ein unglaublich toller Ort geschaffen. Ein echt gemütliches Design-Hotel mit vielen alten Gegenständen, mit Technik und Maschinen aus der damaligen Anlage, liebevoll und gekonnt in Szene gesetzt. Wunderschön. Wir bleiben gleich zum Abendessen – in Jeans und Pulli und den verstaubten Schuhen von unserem Tag im Nationalpark zwischen all den schicken Kellnern. Das Essen ist göttlich. Eine Poesie von einem Salat, auf den Punkt gegrillte Lammrippen mit Auberginen-Mus, leckeres Guanakofleisch, ein exquisiter Wein und eine Crème Brûlée mit Orangengeschmack. Schlaraffenland! Und eigentlich… haben wir nur ein Museum besuchen wollen.

Das Essen ist göttlich. Eine Poesie von einem Salat, auf den Punkt gegrillte Lammrippen mit Auberginen-Mus, leckeres Guanakofleisch, ein exquisiter Wein und eine Crème Brûlée mit Orangengeschmack. 

Am folgenden Tag verlassen wir die Provinz der letzten Hoffnung (Província Última Esperanza), überqueren per Fähre die Magellanstrasse und gelangen in die Zukunft (Porvenir). Somit haben wir nun das südamerikanische Festland verlassen und befinden uns auf Feuerland (Tierra del Fuego), eine Insel, die halb zu Chile, halb zu Argentinien gehört. Dabei fahren wir ein Stück der unnützen Bucht entlang (Bahía Inútil). Bei diesen bedeutungsvollen Namen kann ich mir gut die Erwartungen und Ängste der Seefahrer und Entdecker vorstellen, die damals hier unterwegs waren. Und erst recht, als wir den immerfort anwesenden, manchmal in sturmartigen Böen auftretenden Wind zu spüren kriegen. Er ist auch beim Autofahren nicht ganz ohne. Sobald uns ein Fahrzeug entgegenkommt, bin ich doppelt und dreifach auf der Hut. Am Strassenrand stehen genügend mahnende Autowracks.

Unser Ziel ist Ushuaia, die südlichste Stadt Argentiniens. Nicht, weil es da unglaublich viel zu sehen gibt. Sondern aus geografischen Gründen. Soweit südlich waren wir nämlich noch nie. Gestartet sind wir in Hamburg auf 53° Nord. Nun sind wir auf 54° Süd angekommen! Wir wollen etwas Ausblick und fahren eine kurvige Strasse hoch zu einem Sessellift. Im Winter wird hier Ski gefahren. Jetzt ist zwar Sommer, aber es ist frisch und windet so stark, dass ich mich einpacke wie beim Skifahren. Schliesslich sind wir eine Viertelstunde auf dem offenen Zweiersessel, und ich hasse es zu frieren. Die Fahrt sollte uns zu einem Gletscher bringen. Auf dem Lift brechen wir in Gelächter aus. Das Ding fährt knapp im Schritttempo! Ein Wanderer, der kurz nach unserer Abfahrt losmarschiert ist, überholt uns nach halber Strecke mit seinen langen Schritten. Wir geniessen dafür unsere Aussicht. Wobei wir feststellen, dass der Gletscher auch eher bescheiden aussieht. So lassen wir ihn links liegen, und marschieren zu einem Aussichtspunkt. Von dort haben wir einen guten Überblick über die Stadt und die vielen vorgelagerten – chilenischen – Inseln. Ushuaia ist nämlich noch nicht ganz das Ende der Welt. Sondern ein Startpunkt für Reisen in die Antarktis. Aber das heben wir uns für ein andermal auf.

Nicht, weil es da unglaublich viel zu sehen gibt. Sondern aus geografischen Gründen. 

Pinguine hingegen würden wir schon gerne sehen. Als uns Javier vom Hostal darauf aufmerksam macht, dass wir auf unserer Fahrt durch Feuerland unwissentlich an einer kleinen Königspinguin-Kolonie vorbeigefahren sind, planen wir auf dem Rückweg entsprechend Zeit dafür ein. Trotz seiner guten Wegbeschreibung müssen wir etwas suchen, denn die Kolonie gibt es erst wenige Jahre und ist kaum beschildert. Ein enthusiastischer junger Mann knöpft uns den Eintritt ab und erklärt uns, wo die Pinguine sich gerade aufhalten. Der Pfad durch die Wiese zur Meeresbucht ist mit Steinen und gespannten Schnüren markiert. Auch wenn das handgestrickt wirkt, so schätzen wir sehr, dass damit die Besucher auf Abstand gehalten werden. Kommen die Menschen nämlich zu nahe, verlassen die Pinguineltern manchmal ihre Kleinen, die dann elendiglich verhungern. Die Pinguin-Sippe hat bei einer niedrigen Flussböschung etwas Schutz vor dem starken Wind gefunden. Wir selber stehen voll im Wind und sind dankbar als die Sonne für ein paar Minuten hervorkommt. Dafür haben wir einen guten Blick auf die Pinguine und können auch ein paar Junge erkennen. Wir schauen gebannt zu, wie die Tiere miteinander schnattern, die Flügel strecken und auf ihre lustige Art wackelnd herumtapsen. Ein Pärchen geht sogar auf eine richtige Spazierrunde. Dabei kommen mir die zwei vor wie Mann und Frau beim Einkaufsbummel. Sie guckt hier und da, will immer noch ein paar Schritte weiter und wieder etwas anschauen. Während er etwas widerwillig hinterhergondelt und ihr jeweils zuruft: „Komm, es reicht jetzt, lass uns endlich heimgehen!“

Holprig unterwegs auf der Carretera Austral.
Einfach nur fünf Songs für einen richtig netten Tag

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