Bereits als ich in Madrid in den Wagen einsteige, höre ich, wie Schweizerdeutsch gesprochen wird. Eine Sitzplatzdiskussion. Ich grinse, sage «Grüeziwohl» und dass ich den Platz 93 am Fenster hätte. «Ja, säg ou», staunt einer von diesen, ein langer, etwas schlaksig wirkender Kerl, der es kaum glauben kann, dass er in einem spanischen Zug neben einer Schweizerin zu sitzen kommt.

«Ja, säg ou», staunt einer von diesen

Während ich mein sperriges Gepäck verstaue, parlieren die anderen abwechslungsweise auf Mundart und Französisch. Als der Zug anfährt, faltet sich der Grosse neben mir in den Sitz und fragt, ob ich nach Salamanca an das Sprachenseminar fahre. «Nach Salamanca ja», erwidere ich, aber von einem Seminar wisse ich nix? Er reicht mir einen Zettel mit Informationen rund um das Seminar  Suiza – 4 lenguas, 4 culturas  an der Universität von Salamanca. Wie die kleine Schweiz mit ihren vier Landessprachen umgeht, das scheint für Spanien mit seinen Basken, Galiziern und Katalanen spannend. Die aufgeführten Referenten sagen mir nichts, nur beim Namen Pedro Lenz klingelt etwas – von dem habe ich mal ein paar Kurzgeschichten gelesen. Das Seminar klingt vielversprechend, denn Sprachen interessieren mich sehr. Doch will ich ja Salamanca kennenlernen, wofür mir nur ein einziger Tag bleibt, da mag ich mich nicht im Vornherein an ein Programm binden.

Wie die kleine Schweiz mit ihren vier Landessprachen umgeht, das scheint für Spanien mit seinen Basken, Galiziern und Katalanen spannend.

Ich gebe den Zettel zurück und erzähle von meinen Reiseplänen, mit dem Zug nach Lissabon zu fahren, dort ein paar Tage zu verbringen, sowie auf dem Hin- wie auf dem Rückweg verschiedene spanische Städte zu besuchen. Der Grosse ist sympathisch und erinnert mich mit seiner offenen und direkten Art an einen Freund aus Bern. Jemanden, den ich viel zu wenig sehe, obwohl ich seit Jahren in der Hauptstadt arbeite.

Für einen Moment schliesse ich die Augen, denn ich fühle mich müde und etwas kränklich, die ersten Anzeichen einer Erkältung. Der Grosse unterhält sich wieder mit seinen Mitreisenden. Und zwar in einem fort über das Seminar und diesen und jenen Text. Auf einmal realisiere ich, dass sie nicht als Seminarbesucher hinfahren, sondern die Referenten sind! Oh Mann, ist mir das peinlich. Ich lasse mir den Zettel nochmals geben. Bern ist überall, steht da – wie wahr, denke ich. Margrit Rieben, Gerhard Meister, Antoine Jaccoud, Pedro Lenz. Ich sitze neben Pedro höchstpersönlich. Und hoffe, dass er meine roten Ohren nicht sieht.

Ich sitze neben Pedro höchstpersönlich. Und hoffe, dass er meine roten Ohren nicht sieht.

Das Städtchen Salamanca ist bezaubernd. Allerdings ist das Wetter kühl und grau, und mit der Erkältung bin ich ausserstande, mich länger als ein paar Stunden auf den Beinen zu halten. Da kommt es mir am Nachmittag ganz gelegen, mich für eine Weile in einen warmen Vorlesungssaal zu setzen. Also besuche ich das Seminar in der Aula Magna der Universität. Und erlebe ein kleines Feuerwerk der Sprache. Gerhard Meister und Pedro Lenz lesen ihre Texte nicht bloss – nein, sie leben sie. Sie spielen mit der Sprache, kosten jede Silbe aus. Ich sitze wie gebannt auf der harten Sitzbank dieses altehrwürdigen Saales und hänge an den Lippen dieser zwei Sprachmeister. Ich lache, werde nachdenklich, bin betroffen. Und staune. Über die Lebendigkeit und die Alltagsnähe ihrer Texte. Über Lenz, der für sein Publikum einige seiner Kurzgeschichten auf Hochdeutsch und Spanisch übersetzt hat – mit angepassten Namen und Wortspielen. Und über die Eloquenz einiger dieser spanischen Germanistik-Studenten, die auf Deutsch ihre Fragen stellen und die Antworten mit dem Sprachumgang im eigenen Land vergleichen.

Ich lache, werde nachdenklich, bin betroffen. Und staune.

Die Diskussion verläuft sehr angeregt und wird nach Seminarschluss kurzerhand in eine nahe Bar verlegt. Unter den verschiedenen Teilnehmern gibt es ein ziemliches Sprachenwirrwarr von Deutsch, Spanisch und Französisch, je nachdem wie die Kommunikation gerade am einfachsten geht. Es wird ein vergnüglicher Abend mit spannenden Menschen, und es macht mir Spass, mich mit Pedro und Gerhard zu unterhalten.

Von Salamanca sehe ich danach nicht mehr viel; meine Weiterreise nach Lissabon erfolgt noch in der gleichen Nacht. Doch bleibt mir die Stadt in guter Erinnerung – nicht zuletzt wegen dieser speziellen Begegnung. Und immer, wenn ich nun an eine Lesung von Pedro Lenz gehe, erwartet mich ein breites Grinsen und ein herzliches «Eh, lueg ou, tschou Paola!»

Auch Salamanca ist ein bisschen überall.

 

Fotos Salamanca: Paola Scaburri
Porträtfoto Pedro Lenz: Daniel Rihs

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