Handelsplatz Nummer 1 der Welt für Rohkaffee ist – die Schweiz. Unter anderem ist sie dies aufgrund eines gigantischen Foodkonzerns mit Sitz in der Westschweiz. Aber nicht nur. Es gibt in unserem Land auch eine ansehnliche Zahl an Kaffeeröstereien und Kaffeevertriebsunternehmen. Täglich konsumieren wir das schwarze Getränk auf Knopfdruck, eher gedankenlos. Es ist überall zu haben. Ohne dieses Genuss- und Aufputschmittel würde in unserem europäischen Leben etwas Wichtiges fehlen. Uns beiden geht es da nicht anders. Und wo kommt der Kaffee her?

Täglich konsumieren wir das schwarze Getränk auf Knopfdruck, eher gedankenlos. Es ist überall zu haben.

Richtig. Kolumbien ist eines der Länder, in dem Kaffee angepflanzt wird. Rund achthundertfünfzigtausend Tonnen Kaffeebohnen werden hier jährlich produziert. Wo wir schon mal da sind, ist es naheliegend, dass wir gucken wollten, wie das mit dem Kaffeeanbau so vor sich geht. Zwei Kaffeeplantagen haben wir besucht. Eine grosse Hacienda und eine kleine Finca.

Die Hacienda Venecia mit mehreren hundert Arbeitern produziert eine ansehnliche Menge Kaffee, vermarktet diese professionell und weltweit. Das ehemalige Haupthaus – die Hacienda – ist nun ein Boutique-Hotel, wo man sich als Gast im kolonialen Ambiente inmitten der Kaffeesträucher wie der frühere Plantagenbesitzer fühlen darf. Führungen durch die Plantage gibt es jeden Morgen. Die Tour startet mit einem Kaffee in einer Art Open-Air-Schulzimmer, wo wir erst mal ganz viel Wissenswertes über die Geschichte des Kaffees erfahren. Diese hat viel mit Orient, Handel, Seefahrt, Königshäusern, Kolonien und Sklaverei zu tun.

Die Tour startet mit einem Kaffee in einer Art Open-Air-Schulzimmer, wo wir erst mal ganz viel Wissenswertes über die Geschichte des Kaffees erfahren.

Die klimatischen Bedingungen für den Kaffeeanbau bringen uns zu den Bohnensorten, der Kaffeepflanze, ihrem Wachstum, der Ernte und dem Sortier-, Schäl-, Wasch-, Trocknungs- und Röstprozess. Die Kaffeefrucht ist eine kirschenartige Beere; das was wir Bohne nennen, ist eigentlich ihr Kern. Um zur Bohne zu gelangen, müssen Haut, Fruchtfleisch, eine Art Gel-Schicht und die Bohnenhülse entfernt werden. Die Überleitung vom theoretischen zum praktischen Teil geschieht fliessend; schon befinden wir uns auf dem Rundgang durch die Kaffeesträucher und Verarbeitungsanlagen für die geernteten Kaffeebohnen. In dem Tal, wo sich die Plantage befindet, herrscht ein spezielles und ideales Mikroklima, das es erlaubt, das ganze Jahr über Kaffeebohnen zu ernten. Die Kaffeepflanze mag es warm, aber nicht zu heiss, weshalb eine bestimmte Höhenlage nötig ist, und sie mag wechselhaftes Wetter, das ihr täglich Sonne, Wolken und leichten Regen beschert. Wir sind hautnah mit dabei, dürfen alles anfassen, überall hineingucken, an allem riechen und uns von den Arbeitern etwas zeigen lassen. Auch eine kleine Röst-Demonstration ist mit dabei. Eine wirklich tolle, dreistündige Führung, die keine Frage unbeantwortet lässt. Ein Diplom haben wir zwar nicht erhalten, dennoch können wir uns nun kleine Kaffee-Experten schimpfen 😉

Die Kaffeefrucht ist eine kirschenartige Beere; das was wir Bohne nennen, ist eigentlich ihr Kern.

Wir sind so begeistert, dass wir um eine Nacht verlängern und einen weiteren Kaffeekurs besuchen. In diesem nun geht es darum zu erfahren, wie sich Geruch und Geschmack des Kaffees verändern, je nach Sorte, Trocknung, Röstung, Mahlgrad und Zubereitungsart. Wir schnuppern, schlürfen, schmecken, schlucken. Und lernen wieder Erstaunliches. Wie unterschiedlich wir Gerüche und Geschmäcker wahrnehmen (bei jedem anders); welchen Geschmack wir an einem Kaffee mögen oder nicht mögen (ebenso); und wonach Kaffee alles riechen kann. Wie in der Welt des Weines gibt es nicht nur Duftnoten von Vanille, Schokolade und Beeren, sondern auch ausgefallenere wie Tabak, Gras, Gummi, Leder, gekochtes Fleisch und Gurke. Unser Laien-Geruchssensorium ist dafür wohl zu wenig ausgeprägt und zu wenig geübt. Nach zwei Stunden Riecherei ist unsere Nase überstrapaziert, und wir können die einfachsten Gerüche nicht mehr recht zuordnen. Ich weiss nun aber, dass kolumbianischer Kaffee meist eher fruchtig und etwas säuerlich schmeckt, ich hingegen lieber nussig-schokoladigen Kaffee mag.

Wir schnuppern, schlürfen, schmecken, schlucken.

Anschliessend demonstriert und erklärt uns der Barista verschiedene Zubereitungsarten und lässt uns jeweils probieren, den klassischen Espresso ebenso wie den im Siphon aufgebrühten Kaffee oder einen professionell zubereiteten Filterkaffee. Zum Abschluss darf natürlich ein Cappuccino mit kunstvollem Milchschaumherz nicht fehlen. Eine richtig schöne Einführung in einen Barista-Kurs. – Ob wir nach all dem Kaffee in der kommenden Nacht je ein Auge zu tun?

Die kleine Finca Corozal, die wir im Anschluss besuchen, ist das pure Gegenteil

Die kleine Finca Corozal, die wir tags darauf besuchen, ist das pure Gegenteil: Über das Dorf hinaus kennt sie niemand, und wir haben sie nur gefunden, weil ihr Besitzer in Bern eine kleine Kaffeebar betreibt, wo er per Direktimport aus Kolumbien exklusiv seinen Kaffee verkauft. Bis jetzt waren wir zwar noch nie in dieser Kaffeebar… doch ein guter Freund hat mir davon erzählt, und den Kaffeebarbesuch holen wir nach, wenn wir zurück in der Schweiz sind.

Bereits die Kontaktaufnahme und die Anreise sind eine kleine Odyssee. Sich mit jemandem auf Spanisch zu unterhalten ist eines, mit einem nuschelnden Gesprächspartner auf Spanisch zu telefonieren eine ganz andere. Missverständnisse und Umwege sind vorprogrammiert, aber nach einer kurvenreichen Taxifahrt inmitten grüner Berge stehen wir endlich vor der Finca und unserem Gastgeberpaar Tereza und Carlos gegenüber. Es sind einfache Leute, äusserst liebenswürdig und etwas verlegen. Uns wird schnell klar, dass hier selten Gäste auftauchen (wenn überhaupt jemals).

Es sind einfache Leute, äusserst liebenswürdig und etwas verlegen.

Ein Bett wird für uns hergerichtet in einem netten Zimmer. Die Finca hat schon bessere Tage gesehen und befindet sich teilweise eher im Zustand einer verputzten Lehmhütte. Doch auch wenn uns der Komfort einer Dusche fehlt, so fehlt es uns trotzdem an nichts. Wir essen, was wir vorgesetzt bekommen, und das ist immer einwandfrei. Und sehr grosszügig portioniert – mehr als einmal schaffen wir es nicht, alles aufzuessen, vor allem beim Frühstück. Da können wir nicht mit den beiden Arbeitern mithalten, die schon seit sechs Uhr auf den Beinen sind, während wir um neun gerade erst aus dem Bett gehüpft sind.

Doch auch wenn uns der Komfort einer Dusche fehlt, so fehlt es uns trotzdem an nichts.

Tereza und Carlos geben sich grosse Mühe, ihrer Gastgeberrolle gerecht zu werden, auch wenn sie etwas unsicher sind, was das beinhaltet. Als sie aber merken, dass es nicht darum geht, uns einen Service zu bieten, sondern uns für zwei Tage ein bisschen an ihrem Leben teilhaben zu lassen, tauen sie sichtlich auf. Bereitwillig erzählen sie von den Arbeiten auf der Finca und stellen im Gegenzug neugierig Fragen zur Landwirtschaft und zu den Jahreszeiten in der Schweiz.

Nach dem Frühstück schlagen wir uns in die Büsche: Carlos bindet uns einen Korb um, und los geht’s zur Kaffeeernte.

Nach dem Frühstück schlagen wir uns in die Büsche: Carlos bindet uns einen Korb um, und los geht’s zur Kaffeeernte. Immer nur die roten Beeren abzupfen. Eine Arbeit, die Wendigkeit und zeitweise etwas Akrobatik erfordert, denn die Kaffeesträucher sind über zwei Meter hoch, und die Beeren sind von kniehoch bis weit über Kopf an jedem Ast zu finden. Die Büsche stehen dicht an dicht, und nur schon das Sich-Hindurchwursteln und Rote-Beeren-Erspähen fordert uns, geschweige denn das Sich-Bücken-Recken-und-Strecken. Natürlich kullert in unserer Ungeschicktheit auch die eine oder andere Kaffeekirsche auf den Boden und will wiedergefunden werden. Hut ab vor den Kaffeepflückern, die diese Arbeit tagein, tagaus an steilen Hängen machen, während wir in einem flachen Stück üben.

Nur schon das Sich-Hindurchwursteln und Rote-Beeren-Erspähen fordert uns, geschweige denn das Sich-Bücken-Recken-und-Strecken.

Nach einer halben Stunde hat Carlos seinen Korb zu drei Viertel voll, wir haben eine knappe Handbreit geschafft. Aber für Carlos reicht die Ausbeute, um die Maschinen anzuwerfen und uns zu demonstrieren, wie der Schäl- und Waschprozess bei ihm von statten geht. Kennen wir ja alles schon, aber bei Carlos ist noch etwas mehr Handarbeit dahinter. Ausserdem arbeitet er zu 100% organisch-biologisch, also ohne Pestizide, ohne Chemie. Die Beerenschalen und Bohnenhülsen werden als natürlicher Dünger den Pflanzen wieder zugeführt. Geerntet wird hier – wie an den meisten Orten in Kolumbien – aufgrund der klimatischen Bedingungen nur einmal jährlich, circa von September bis November. Also haben wir soeben den ersten Kaffee der Corozal-Saison gepflückt!

Authentischer geht’s nicht mehr. Und wir wissen nun, dass hinter einer Tasse Kaffee ein riesiger Arbeitsaufwand steckt.

Dieser äusserst familiäre Aufenthalt mitten im Judihui des Kaffeelandes, wo selten Reisende vorbeikommen, hat uns auch sehr gefallen. Authentischer geht’s nicht mehr. Und wir wissen nun, dass hinter einer Tasse Kaffee ein riesiger Arbeitsaufwand steckt. Egal, ob auf einem Gross- oder Kleinbetrieb, das Pflücken der Kaffeebohnen ist harte Handarbeit. Vom Anbau über die Ernte, die Verarbeitung, den Transport, die Röstung und Verpackung bis zur eigentlich Zubereitung – Kaffee ist ein Luxusgut, dem ich in Zukunft noch mehr Respekt zollen werde.


Falls ihr nun Lust auf kolumbianischen Kaffee bekommen habt, schaut doch mal in Bern in der Kaffeebar La tienda de Juan vorbei. Ihr müsst euch aber beeilen, denn wir haben soeben erfahren, dass die Tienda im November die Türen schliesst. Warum, das wissen wir noch nicht so genau, werden es jedoch sicher bald erfahren. Unser Kaffee-Ausflug nach Bern ist bereits gesetzt!

La Tienda de Juan befindet sich in der Aarbergergasse ganz nah beim Bahnhof Bern. Der Kaffee von der Finca Corozal heisst Don Mateo und kann dort probiert und gekauft, aber auch per Internet bestellt werden: www.colombiaimport.ch

Dann wenn es regnet - Teil 2
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