Vor uns: 3000 Container und 180° Meersicht. Hinter uns: eine der boomendsten Städte Europas mit ihrem gigantischen Frachthafen. 

Es ist schon aufregend genug, mit Sack und Pack zwischen Millionen von Containern zu einem Frachtschiff gefahren zu werden und dem emsigen Treiben zuzuschauen, das im Falle von Hamburg auf einer 74 Quadratkilometer grossen Fläche stattfindet. Für uns Schweizer, aus einem Land ohne Seefahrtgeschichte, eine fremde Welt. Im Frachthafen herrscht 24-Stunden-Betrieb. Container werden von Hebefahrzeugen herumgekarrt, die aus einem Science-Fiction-Film muten. Vom Schiff zum Lagergelände, zu Zweier- oder Dreiertürmen aufgestapelt. Vom Lagergelände zum Schiff, wo sie von den Hafenkränen aufs Schiff gehievt werden. Wir staunen über die Präzision der Kranführer, die mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit die Zapfhaken fast immer beim ersten Anlauf in die entsprechenden Vertiefungen am Container einrasten lassen, um das tonnenschwere Ding dann ebenso schnell aufzuheben und auf dem Schiff in die angewiesene Stelle einzupassen.

Die folgenden Häfen werden angelaufen: Antwerpen (Belgien), Le Havre (Frankreich), Sepetiba (Brasilien), Santos (Brasilien), Paranaguá (Brasilien), Buenos Aires (Argentinien).

Ebenso aufregend: die Vorstellung, die 13’000 Kilometer nach Buenos Aires in ungefähr 23 Tagen auf dem Seeweg zurückzulegen. Seit Jahren geistert diese Idee in unseren Köpfen herum, und nun wird sie Realität. Da wir beide eine Abneigung gegen die fahrenden Rund-um-die-Uhr-Konsumtempel namens Kreuzfahrtschiffe hegen, ich hingegen auf einem Segelschiff schon nach zwei Stunden wohl nur noch ein Häufchen Elend wäre, fiel es uns nicht schwer uns für ein Frachtschiff zu entscheiden. Das Risiko, auf einem monströsen Frachter seekrank zu werden, ist doch wesentlich kleiner.

Das Einschiffen auf der Paranagua Express klappt problemlos, wir werden herzlich empfangen und einquartiert. Unsere Kabine ist äusserst geräumig und befindet sich im obersten Deck, direkt unter der Brücke. Wir geniessen volle Aussicht. Wir sind euphorisch, denn auch die ersten Begegnungen mit der Besatzung sind sehr sympathisch. Das übertrifft unsere Erwartungen, denn schliesslich sind die Leute für ihre Arbeiten auf dem Schiff angestellt und nicht, um Passagiere zu betreuen. In Antwerpen und Le Havre gehen wir auf Erkundungstour an Land. Am fünften Tag sichten wir bereits Delfine, am sechsten Tag spielen wir Karten mit der Crew. Das Schiff schaukelt trotz seiner Grösse manchmal sehr, denn die See ist von vorangegangen Stürmen noch ziemlich bewegt. Dennoch werden wir nicht seekrank, nur an einem einzigen Tag ist mir etwas mulmig. Am siebten Tag ziehen wir an Madeira vorbei, wo wir zum letzten Mal Handy-Empfang haben. Schnell senden wir ein paar Grüsse nach Hause, denn danach sind wir für zehn Tage offline.

Die Paranagua Express ist ein Frachtschiff der Reederei Hamburg Süd, 300 Meter lang, 43 Meter breit, hat ein Fassungsvermögen von bis zu 7100 Containern, und fährt mit etwa 20 Mann Besatzung.

Zehn Tage nichts als Wasser um uns herum, bis wir Südamerika erreichen. Wir sind gespannt wie sich das anfühlt. Man wird sich wieder einmal der Dimensionen der Erde bewusst. Etwas, das uns in der Epoche der Luftfahrt definitiv verloren gegangen ist.

30 Tage Immer wenn es regnet. Ein Rundumblick mit Fernsicht und Danke.
Mein Leben auf dem Frachtschiff

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